Ein Schreiben aus dem Tudor-London.
Ausgabe Februar 2026 ✦ ✦ ✦Der Februar ist kurz. Zu kurz für alles, was ich vorhatte. Aber lang genug für eine Geschichte, die mich nicht loslässt.
Wer in historischen Archiven arbeitet, lernt irgendwann: Das Interessanteste steht nicht im Dokument. Es steht in dem, was fehlt. Eine Frau, die in zehn Einträgen vorkommt – und im elften plötzlich nicht mehr. Kein Tod vermerkt. Kein Umzug. Einfach: weg.
Für Margret in Band 3 war genau das der Ausgangspunkt. Jemand hat sie aus den Akten getilgt. Absichtlich. Und das bedeutet: Jemand hatte einen Grund.
Das Schweigen einer Quelle ist manchmal lauter als alles, was sie sagt.
Zur Tudor-Reihe →Im Tudor-England kostete eine notarielle Beglaubigung je nach Notar zwischen einem und vier Pennys – ein Tagelohn für einen ungelernten Arbeiter. Für eine Witwe, die ihr Haus retten wollte, konnte das der Unterschied zwischen Rettung und Ruin sein.
Was mich daran fasziniert: Recht gab es. Aber der Zugang zum Recht war käuflich. Wer kein Geld hatte, hatte auch kein Recht – formell gesehen jedenfalls. Inoffiziell half man sich anders.
„Das Gesetz ist ein Tor. Aber wer den Schlüssel hat, entscheidet, wer eintritt."
Dieser Monat keine Buchempfehlung, sondern ein Klangerlebnis: Ich bin über eine Aufnahme von Tudor-Lautenmusik gestolpert – gespielt auf einem rekonstruierten Instrument des 16. Jahrhunderts. Was mich überrascht hat: wie modern sie klingt. Komplex, melancholisch, manchmal fast jazzig.
Seitdem läuft sie im Hintergrund, während ich schreibe. Margret hat plötzlich eine Stimme bekommen – oder zumindest eine Melodie.
Suchen Sie auf YouTube nach „Tudor lute music 16th century" – die erste Stunde kostet Sie nichts außer dem Abend.
Alphabetisierung im 16. Jahrhundert war keine Selbstverständlichkeit. Schätzungen gehen davon aus, dass in London etwa 30–40 % der Männer lesen konnten – bei Frauen war die Quote deutlich niedriger. Aber: Wer entschied, wer Zugang zu Bildung bekam?
Und was bedeutete es für eine Frau, die lesen konnte – in einer Zeit, in der das allein schon verdächtig sein konnte?
An die Autorin schreiben →Möge die Geschichte Sie ebenso wenig loslassen wie mich.
Ihre Marlies Ernst ✦ ✦ ✦