Ein Schreiben aus dem Tudor-London.
Ausgabe Januar 2026 ✦ ✦ ✦Ein neues Jahr. Ein neues Manuskript. Und das leise Gefühl, dass Margret diesmal nicht so einfach zu bändigen sein wird.
Ich habe Band 4 dreimal angefangen. Nicht weil mir die Idee fehlte – sondern weil ich Margret unterschätzt hatte. In den ersten drei Bänden war sie jemand, dem Dinge passierten. In Band 4 passiert sie den Dingen.
Das klingt klein. Es ist es nicht. Eine Figur, die vom Reagieren zum Handeln wechselt, braucht eine andere Sprache, einen anderen Rhythmus. Ich musste erst verstehen, wie sie denkt – bevor ich schreiben konnte, wie sie spricht.
Jetzt weiß ich es. Und ich verspreche: Sie werden sie kaum wiedererkennen. Aber Sie werden sie sofort erkennen.
Zur Tudor-Reihe → Leseproben →Das neue Jahr begann im Tudor-England nicht am 1. Januar, sondern am 25. März – dem Fest Mariä Verkündigung. Der 1. Januar war zwar ein Festtag, aber kein Jahresbeginn im modernen Sinne. Man beschenkte sich, trank, tanzte – aber der Kalender drehte sich erst im Frühling.
Was das für meine Figuren bedeutet: Wenn Margret im Januar 1551 von „diesem Jahr" spricht, meint sie dasselbe Jahr wie im Dezember zuvor. Ein kleines Detail – aber eines, das ich fast übersehen hätte.
„Geschichte steckt im Kalender. Wer das vergisst, schreibt Gegenwart in Kostümen."
Über die Feiertage war ich in Nürnberg und habe das Germanische Nationalmuseum besucht – mit einem Auge auf die Alltagsgegenstände des 16. Jahrhunderts. Was mich am meisten beeindruckt hat: ein ganz schlichter Holzlöffel. Ohne Verzierung, ohne Besonderheit. Einfach benutzt, repariert, weiterbenutzt.
Solche Objekte erden mich beim Schreiben mehr als jedes Sachbuch. Sie erinnern mich daran, dass meine Figuren Hunger hatten und aßen und abspülten.
Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg – für alle, die Geschichte nicht nur lesen, sondern anfassen wollen.
Ehrbarkeit war im Tudor-England kein abstraktes Konzept – sie war messbar. An der Kleidung. Am Gang. Daran, wen man grüßte und wen nicht. Daran, ob man allein auf der Straße war oder begleitet.
Was passierte mit einer Frau, die diese Codes absichtlich brach? Nicht aus Unkenntnis, sondern als Strategie?
Margret weiß die Antwort. Ich arbeite noch daran.
An die Autorin schreiben →Möge die Geschichte Sie ebenso wenig loslassen wie mich.
Ihre Marlies Ernst ✦ ✦ ✦