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Der Aufbruch
Zwei Leben unter den Tudors · Band 1
Der Aufbruch
London 1501: Der Aufbruch beginnt in einer schlammigen Gasse.

Am Vorabend hatte Mr. Henson das Ladenfenster verschlossen und verschwand mit seiner Familie in die Nacht. Was für eine Aufregung am folgenden Morgen. Ich saß wie üblich mit einer Schale Porridge auf meinem Stuhl am Fenster und hielt nach den ekelhaften Kennethkindern Ausschau, als die Abwesenheit der Fleischerfamilie entdeckt wurde. Der Beamte, der für Maße und Gewichte der Läden und Märkte zuständig war, erwischte sie nicht mehr.

Dadurch kehrte Langeweile vor meinem Fenster ein. Keiner der Erwachsenen fing Streit an, niemand drohte mit dem Strick. Das graue Licht der Novembertage kam und ging, ohne dass irgendetwas passierte. Aber dann, es war an einem Montag, hielt ein Karren vor unserem Haus. Der abgemagerte Zugochse keuchte weiße Atemwolken aus, die Beine waren schlammbedeckt und seine Flanken zitterten. Sie trug einen weichen Wollumhang mit einer Kapuze, war schmal wie ein halbwüchsiger Junge, der gerade ein gutes Stück gewachsen war und – um ihre Beine hing ein Rock. Ich drückte meine Nase an die Scheibe, Mutter würde wegen des Fleckens schimpfen, aber das war mir egal.

Die Frau stieg geschmeidig von dem Bock, überprüfte den Sitz der Plane und drehte ihren Kopf nach allen Seiten. Es schien, als wenn sie mir für die Dauer eines Wimpernschlages direkt in die Augen sah. Mit einer unwilligen Bewegung schlug sie den Umhang zurück, kramte in ihrer Tasche und marschierte auf die Tür des ehemaligen Hensonhauses zu.

Maskenball des Schreckens
Viktorianische Krimis · Band 1
Maskenball des Schreckens
Hinter den Masken des Balls trägt jeder sein Geheimnis. Einer von ihnen trägt den Tod.

Die Kleidung des jungen Mannes war schlicht und schien bequem. Sie passte nicht zu den eleganten Fräcken und prachtvollen Roben der übrigen Ballgäste. Auf eine Maske hatte er ebenfalls verzichtet. Stattdessen hielt er ein aufgeschlagenes Notizbuch und einen Stift in der Hand. „Hält sich die Londoner Oberklasse Sklaven?“, fragte er und leckte mit einer raschen Bewegung an der Spitze des Bleistifts, während er die Frau mit der silberfarbenen Maske fragend ansah.

„Natürlich nicht“, entgegnete sie in einem entrüsteten Ton. „Wir sind Engländer und gute Christen. Diese Abscheulichkeit wurde bei uns schon vor Jahrzehnten abgeschafft. Wer sind Sie? Wir wurden einander nicht vorgestellt.“

„Diese Abscheulichkeit wurde bei uns schon vor Jahrzehnten abgeschafft“, wiederholte er und schrieb hektisch in sein Notizbuch. „Ludwig Smith. Ich komme vom Courier and Enquirer, um einen Artikel über die Londoner Gesellschaft zu schreiben.“ „Von wo?“ „Von einer New Yorker Zeitung. So nennt man es zumindest dort.“ Eine zweite Frau trat zu den beiden, nahm ihre Maske ab und musterte Smith mit einem tadelnden Blick. „Hatte ich in Ihrer Einladung nicht die Kleiderordnung erwähnt?“

„Ja, das haben Sie.“ Seine Mundwinkel zuckten spöttisch, als er auf eine Gruppe Männer wies, die plaudernd zusammenstanden und an ihren Champagnergläsern nippten. „Das wäre sie gewesen?“

Ein fataler Irrtum
Die Landen-Serie · Band 1
Ein fataler Irrtum
Olaf glaubt zunächst, es sei ein technischer Fehler. Er irrt sich. Erheblich.

Hermann Kramer saß bemüht locker auf dem Barhocker, trotzdem zitterte seine Hand leicht, als er nach dem Drink griff. Der Nerd neben ihm, rührte in aller Seelenruhe in seinem Gin-Tonic, warf unerträglich geschickt immer wieder eine Erdnuss aus dem Schälchen vor ihm in die Luft und fing sie mit dem Mund auf. Er kaute gelassen, er saß gelassen.

„Herr Kramer, ich will ihnen keinen Jahresvorrat an Klopapier verkaufen. Ich biete ihnen etwas anderes. Unermesslichen Reichtum, Macht über Jahrtausende …“, dieser blasse Kerl unterbrach sich und lächelte entschuldigend. „Okay, das mit den Jahrtausenden kann ich nicht versprechen. Aber ich garantiere ihnen, dass sie in andere Zeiten reisen werden. Was sie dann da mit ihrem heutigen Wissen anstellen, liegt bei ihnen.“

Günther Spieker steckte sich provozierend langsam die letzten Nüsse in den Mund und konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf den Barkeeper. Nachdem er den Blickkontakt hergestellt hatte und auffordernd die Schale hochhielt, wandte er sich wieder an Kramer. „Ich weiß, dass sie ihrem Berater vertrauen. Ich kenne Olaf Thormann aus meiner Studienzeit und hatte niemals ein Problem mit ihm. Jedoch hat er irgendwann die Realität verlassen. Die Wissenschaft macht Fortschritte, das hat sie immer getan. Olaf sperrt sich seit über zwanzig Jahren allen neuen Erkenntnissen. Er ist verbohrt und verkrustet. Das könnte ihnen, Herr Kramer, egal sein, bloß haben sie Ziele und sind ein Macher. Sie streben nach etwas. Wobei sie nicht der einzige sind.“

Unter einem fremden Himmel
Die Landen-Serie · Band 2
Unter einem fremden Himmel
Wie einsam kann man sich fühlen? Gibt es eine Grenze?

Olaf Thormann wünschte sich, nicht aus der Ohnmacht erwacht zu sein. Zu grauenhaft waren die Konsequenzen, die sich aus den einzelnen Bildern in seinem Kopf zu einem Film aneinanderreihten. Sein Physikerkollege Günther Spieker hatte ihn absichtlich in ein Zeitloch gestoßen, an deren Existenz Olaf lange nicht geglaubt hat. Er verspürte keine Schmerzen, der Waldboden war weich. Vögel sangen vereinzelnd, es dämmerte. Er verweigerte sich selbst jegliche Bewegung. Jede Aktivität würde unkontrollierbare Folgen haben. Selbst Günther hatte nicht einschätzen können, in welcher Zeit Olaf landen würde, alles war, seiner Ansicht nach, möglich.

Erst, als das säuerliche Brennen in seinem Hals übermächtig wurde, drehte er seinen Kopf zur Seite und erbrach sich. Nachdem sich die Krämpfe gelöst hatten, fühlte er in sich hinein. In seinem Mund schmeckte es pelzig, er hatte Durst und musste austreten. Das war seit einer Woche ein durchaus normaler Zustand bei ihm, der ihn auf eine gewisse Art beruhigte. Was ihn beunruhigte, war die Temperatur. Als Günther ihn zu der Stelle im Wald gefahren hatte, war es eiskalt. Jetzt war es warm, alles um ihn herum grün. Es musste Sommer sein.

Etwas raschelte. Schnell und leise. Olafs Augen öffneten sich instinktiv. Dagegen konnte er sich nicht wehren. Eine Kopfdrehung verbot er seinem Bewusstsein. Er sah stattdessen in den Himmel und befand ihn als vertraut. Über den Baumkronen vor ihm konnte er die obere Hälfte der Sonne erkennen. Er sah keinen Unterschied zu dem Ausblick von seiner Terrasse, wenn er in den Sommerferien mit Sandra und den Jungs gefrühstückt hatte. Er schloss seine Augen wieder, den Tränen war es egal.

Die Sache
Zwei Leben unter den Tudors · Band 2
Die Sache
Cari und Joan stellen sich ihren unterschiedlichen Leben.

Wie sollte sich eine Frau nach der Niederkunft fühlen? Ich erinnerte mich an Williams Geburt und an das Getue, dass damals um ihn veranstaltet wurde. Aus Mutters Augen sprang das blanke Glück. Auch ohne Spiegel wusste ich, dass davon bei mir keine Rede sein konnte. Obwohl ich diese widerliche Tortur überlebt hatte, da war nur Erleichterung, dass ich es endlich hinter mich gebracht hatte.

Ich sah Anne an, die an der Wiege stand und nickte. „Fertig, ich bin bereit. Lass sie rein. Aber nicht alle auf einmal.“ „Erst der stolze Vater.“ Sie warf noch einen prüfenden Blick auf das Bett, kam dann auf mich zu und rieb mir grob über die Wangen. „Du siehst schrecklich aus, zeig mehr Freude, sonst wird es das Letzte sein.“

Ich presste die Lippen zusammen und sah meinem Mann entgegen, der auf Zehenspitzen ins Zimmer kam und einen scheuen Blick auf die Wiege warf. „Wie geht es dir, Liebste? War es sehr schlimm?“ Ach Irving, mein guter Irving. Dass ich schwanger geworden war, hatte uns beide aus dem Gleichgewicht gebracht. Mich vor Angst, ihn vor ungläubiger Freude. Sein Spitzbauch hatte vor Glück gewackelt.

Et fin
Zwei Leben unter den Tudors · Band 3
Et fin
Das Finale. Wie übersteht man die Regentschaft eines wahnsinnigen Königs und bleibt dabei mit seiner Familie am Leben?

Er brach zusammen. Seine Hand griff an die Brust, krallte sich in das Hemd, die Augen weiteten sich und dann lag er auf dem Boden. Ich stieß Vater zur Seite, stürzte auf ihn zu und kniete mich neben seinen Kopf. „Irving, was ist? Ist dir nicht gut?“ Warum fragte ich? Ich wusste doch, was ihm fehlte. Es war sein Herz. Schon seit Tagen schlief er kaum, atmete flach und schien immer wieder besorgt in sich hineinzuhorchen. Jetzt war sein Gesicht grau und als ich ihm die Hand auf die Stirn legte, spürte ich den kalten Schweiß. Vater stand über uns und als ich ihn anschrie, dass er den Knecht holen sollte, zögerte er.

„Hol Conrad.“ Ich kreischte so laut, dass er zusammenzuckte und sich endlich umdrehte, um mit steifen Gliedern das Zimmer zu verlassen. „Irving, Liebster, bleib bei mir. Atme, dann wird es wieder gut.“ Ich beugte mich über seinen Mund und drehte den Kopf. Der Hauch, der meine Wange streifte, kam mir vor, wie ein Abschiedsgruß. Nein, bitte nicht, bitte nicht. Ich zerrte an seiner Kleidung, öffnete Hosenbund und Kragen, riss alles auf, was ihn einengen könnte, presste die Hand auf seine Brust und spürte das stolpernde Pochen unter seinen Rippen. Wann war er so mager geworden? Wann hatte ich ihn das letzte Mal mit Appetit essen sehen? „Irving, bitte. Bleib bei mir. Gleich kommt Hilfe, du musst nur weiter atmen, dann wird alles wieder gut.“ Seine Augenlider flatterten auf und ab, schienen sich nicht entscheiden zu können. „Nicht einschlafen, bitte. Bleib wach, du darfst jetzt nicht einschlafen.“

Zurück zu den Tudors
Zurück zu den Tudors · Band 1
Zurück zu den Tudors – Die Heimkehr
Margret lebt ihren Traum. Oder doch nicht?

Der Jubel war unbeschreiblich und flutete schon seit zwei Tagen die kopfsteingepflasterte Rue Saint-Germain. Die Menschen tanzten ausgelassen, der Geruch von süßem Wein und gebratenen Kastanien hing in der Luft, als man sich lachend in den Armen lag und die Alltagssorgen vergaß. Genauso wie Blanche, die sich weit hinaus beugte und winkte. Ich seufzte innerlich. Sie begriff nicht, dass ich mich nach Ruhe sehnte, während ganz Paris im Freudentaumel versank.

„Schließ das Fenster. Von dem Lärm bekomme ich Kopfschmerzen.“ Sie reagierte nicht. Verständlich, wenn ihre Ohren außerhalb waren. „Schließ das Fenster“, wiederholte ich. Wieder nichts, es reichte. Ich stemmte mich vom Sofa und ging durch den Salon, während der Trubel lauter wurde. „Blanche.“ Sie zog ihren Oberkörper ins Zimmer und sah mich verständnislos an. „Aber Madame, die Leute feiern doch nur. Sie freuen sich eben.“ „Das können sie auch, wenn meine Fenster geschlossen sind.“ Sie krauste missbilligend die Nase, schloss den Fensterflügel mit einem Schnauben und verriegelte ihn. „Soll ich auch die Vorhänge schließen?“, fragte sie schnippisch. „Wegen der Belästigung?“

Der Verrat
Zurück zu den Tudors · Band 2
Der Verrat
Der Kreis schließt sich. Margret kehrt in die Wood Street zurück.

„Was tust Du da?“, zischte ich. Blanche runzelte die Stirn und hob abwehrend die Hand. „Pssst, ich übe.“ „Was? Das Lauschen? Darin bist Du perfekt.“ „Aber nicht in Englisch.“ „Das lernt man nicht, indem man lauscht.“ „Ich schon.“ Vergebene Liebesmüh, meiner ehemaligen Bediensteten Benehmen beizubringen. Seit wir das Schiff bestiegen hatten, das uns nach England bringen sollte, hing sie an den Lippen der anderen Passagiere und vertuschte das nicht mal. Doch ich wollte mich nicht beklagen, ich war froh, dass sie sich nicht längst aus dem Staub gemacht hatte. Nur ihr war es zu verdanken, dass ich von meinem Mann nicht in ein Nonnenkloster eingesperrt wurde.

Einige Missgeschicke hatten dazu geführt, dass man mich als Schande für die Familie empfand und zu den Zisterzienserinnen abschieben wollte. Angeblich auch zu meinem eigenen Schutz, weil ich nicht bei Sinnen wäre. Unglücklicherweise hatte ich mich etwas zu heftig gegen diesen Plan gewehrt und versucht, meine Schwiegermutter Cecile zu verbrennen. Grund genug, den Zorn meines Mannes Elliot auf mich zu ziehen, der als Gesandter im Vatikan diente und sich einen Skandal nicht leisten konnte. Also floh ich, um allen Beteiligten Zeit zu geben, sich zu beruhigen.

Es stellte sich schnell heraus, dass die Flucht in finanzieller Hinsicht unüberlegt gewesen war und als mich mein Schwager Michel erwischte, wie ich Elliots Geldkassette stahl, war mein Ansehen in der Familie Bertrant endgültig ruiniert.

Die Wende
Zurück zu den Tudors · Band 3
Die Wende
London, 1551. Das Schweißfieber kehrt zurück — und Margret muss eine Entscheidung treffen, die alles verändern könnte.

Der Duft von Muskat und Nelken hing schwer in der stickigen Luft des Harrington’s Exquisite Spices & Sundries und erinnerte mich jeden Tag aufs Neue an meine eigene, fade Existenz. Ich stand hinter der hölzernen Theke und beobachtete die Kundin, die an diesem heißen Londoner Vormittag den Laden beehrte.

Eine ältere Dame mit einer grau bestickten Haube beäugte kritisch eine Auswahl von Seifen, ihr Mund zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Ich wusste, dass es dauern würde. Solche Kundinnen wogen jedes Stück ab, befragten mich nach den Inhaltsstoffen, als handelte es sich um lebenswichtige Arzneien, und entschieden sich am Ende doch meist für die billigste Variante.

Es war nicht die eigentliche Arbeit, die mich so zermürbte. Ich konnte charmant sein, sobald es die Situation erforderte. Jahre an der Seite meines Mannes Elliot hatten mich gelehrt, die Erwartungen anderer zu erfüllen und ein Lächeln aufzusetzen, auch wenn ich lieber weglaufen wollte. Was mich lähmte, war die Bedeutungslosigkeit meines Daseins. Hier stand ich, einst vertraut mit den glanzvollen Salons von Paris, und pries nun Lippenpomaden und duftende Säckchen an, um ein Auskommen für mich, meine kranke Mutter, Caris stille Verzweiflung und Blanche zu sichern, deren Sehnsucht nach Paris mit jedem Tag zu wachsen schien.

Der Aufstieg
Zurück zu den Tudors · Band 4 · Neuerscheinung
Der Aufstieg
London, 1551. Elliot ist zurück — und will Aveline nach Frankreich verschleppen.

Der Gestank traf mich, noch bevor ich das Badeschiff erreichte. Fisch, Teer, Fäkalien und das modrige Wasser der Themse – der vertraute Geruch des Londoner Hafens im Herbst 1551. Ich raffte meinen Rock und stieg vorsichtig über die glitschigen Holzplanken des Stegs. Am Ende der Straße ragte das Heavens auf, die Vorderseite schien sich weiter geneigt zu haben. Die Fensterläden hingen schief in den Angeln. Schräg gegenüber dampfte bereits der Schornstein des Little Pork – der Wirt war Frühaufsteher.

Das Badeschiff schaukelte leicht an seinen Tauen. Es war kein prächtiges Gefährt – ein umgebauter Lastkahn mit einem hölzernen Aufbau, in dem die Badezuber standen. Auf der Seite prangte in frischer, weißer Farbe der Schriftzug: Forbes' Reinigungsbad und Gesundbrief für die Passage. Der Stadtrat hatte auf diesen Namen bestanden.

Ich schloss die schwere Tür auf und trat ein. Die Luft war abgestanden, kühl. Vier Holz-Zuber reihten sich an den Wänden, einen gab es in einem separaten Bereich. Daneben Bänke, ein kleiner Ofen, Regale mit Leintüchern. Hinten war ein schmaler Raum abgetrennt – dort führte Dr. Brennan die Untersuchungen durch. Falls er kam. Er war nicht immer zuverlässig und schon gar nicht nüchtern. Aber er war das Beste, was der Rat Londons an brauchbaren Ärzten geblieben war. Alle anderen hatten höflich abgelehnt, für einen Hungerlohn auf einem Badeschiff nach Anzeichen des Schweißfiebers Ausschau zu halten.

Die Leiche liegt in Limehouse
Viktorianische Krimis · Band 2
Die Leiche liegt in Limehouse
Limehouse, 1830. Eine Tote ohne Namen, ein Viertel, das schweigt — und Scotland Yard, das es nicht kümmert.

Die Morgensonne blendete und ich umrundete fast blind die Schlaglöcher auf dem Whitehall Place. Es würde wieder heiß werden, so wie in den letzten zehn Tagen. Für Mitte Juni ein ungewöhnliches Wetter. Die Passanten wischten sich jetzt schon mit Tüchern den Schweiß aus den Gesichtern und alle schienen in Eile, um rasch zurück in die Häuser zu gelangen. Ich nicht. Wenn sich die Serie fortsetzte, in der Tak Dowham und ich steckten, würde es erneut ein langweiliger Tag in Soho werden.

Die Kriminellen verkrochen sich vor der brütenden Hitze in ihren Löchern und lebten offenbar von ihren Vorräten. Gut für die Londoner, die sonst Opfer von Taschendiebstählen und Betrügereien wurden, schlecht für Tak und mich. Unsere Verhaftungsquote lag bei null. Und da wir in Scotland Yard ohnehin kein Ansehen genossen, verloren wir unsere Existenzberechtigung. Die zahlreichen Verhaftungen von Kleinkriminellen war der einzige Trumpf, mit dem wir Chief Buckhose davon überzeugen konnten, dass wir wertvolle Mitarbeiter dieser neuen Polizeibehörde waren, die von der Bevölkerung bisher misstrauisch beäugt wurde. Doch sobald die Leute erkannten, wie hilfreich unsere Arbeit für ihren Alltag war, würden sie sich an uns gewöhnen.

Auch Eierdiebe mussten schließlich der Justiz zugeführt werden, ich fand nicht, dass es da Unterschiede in der Wichtigkeit der Fälle gab. Im Januar hatten Tak und ich es mal mit einem vermeidlichen Mordfall zu tun. Mein Erster und ich war entsprechend aufgeregt gewesen. Er stellte sich als Reinfall heraus, bei dem man uns vorgeführt hatte. Mir war die Naivität und Leichtgläubigkeit, mit der ich an die Sache herangegangen war, noch immer peinlich und unterschlug sie, sobald ich von dem Fall erzählte. Aber auch Scotland Yard hatte sich nicht mit Ruhm bekleckert.

Neun Ehemänner
Viktorianische Krimis · Einzelband
Neun Ehemänner
London, 1860. Wiona Taylor hat neun Ehemänner zu Grabe getragen. Nur ein unglücklicher Zufall?

Hat die Seele eines Verstorbenen Interesse daran, bei der Beisetzung seines Körpers präsent zu sein? Hoffentlich nicht. Cyrus schob seine Finger hinter den Kragen, um sich das Gefühl der Enge zu nehmen, und sah sich unauffällig um. Wo würde Herold stehen, wenn er anwesend wäre? Können Seelen überhaupt stehen? Direkt neben ihm? Oder bei seinen Bekannten, die gebührenden Abstand zu dem Priester hielten? Eher bei seiner Witwe, die vorn am Grab stand und sich gramgebeugt an die verschleierte Frau an ihrer Seite klammerte

Am Grab. Wie in Cyrus Albträumen war der Sarg bereits hinabgelassen worden. Der Anblick verschlug ihm den Atem und er brauchte all seine Kraft, um nicht auf den Rasen zu sinken und seinen Schmerz in den Himmel zu schreien. „Geht es, Junge?“ Er drehte sich zu der mitfühlenden Stimme um. „Muss ja. Aber ich wäre jetzt lieber woanders.“ „Er sicher auch.“ Walden Potter, Cyrus Onkel, deutete mit dem Kinn auf das Erdloch. „Wie ist das eigentlich passiert?“

Er hatte Mrs. Taylor zweimal getroffen. Einmal bei der Beerdigung des siebten, einmal bei der des achten. Beide Male hatte sie schwarze Handschuhe getragen und mit dieser besonderen Ruhe getrauert, die entweder echte Erschöpfung war oder sehr gute Übung.

Der Priester verstummte für einen Augenblick, verharrte in seiner Bewegung und sah mit einem strafenden Gesichtsausdruck zu den beiden hinüber. „Später“, murmelte Cyrus und faltete die Hände. Später, wenn der Friedhof sich geleert hatte? Später, wenn die Londoner Nacht den Erdhaufen über Herolds Sarg gnädig verhüllen würde oder in einem Monat, wenn die dicken Steinplatten und die monströsen Monumente die Toten daran hindern würden, ihre Gräber zu verlassen? Er sah den Weg hinunter, die Breite reichte, um zwei Kutschen aneinander vorbei fahren zu lassen. Links und rechts genug Steinmonumente, um ein anständiges Stadthaus zu bauen. Ein Grabmal pompöser als das andere. Als wollten sich die Hinterbliebenen in ihrer Liebe zu den Verstorbenen gegenseitig übertreffen. Dafür alles trist. Grau, teilweise mit Moos überwachsen oder mit Taubendreck verschmiert. So etwas hätte Herold nicht gewollt. Hoffentlich nahm Wiona darauf Rücksicht. Aber vielleicht wusste sie auch gar nicht, was Herold mochte, die beiden hatten noch nicht mal ihren ersten Hochzeitstag, bevor …

Der aus dem Feuer kam
Die Landen-Serie · Band 3
Der aus dem Feuer kam
Olaf sucht verzweifelt Anschluss, aber hinter jeder Tür lauert das Misstrauen.

„Du sollst das nicht tun.“ Luise, die Köchin, eilte auf Ilona zu und entriss ihr den Lappen. „Wenn jemand sieht, dass du meine Arbeit erledigst, bekomme ich Ärger.“ „Womit soll ich mich denn sonst beschäftigen? Ich kann nicht den ganzen Tag am Fenster sitzen und auf den Schnee starren.“ Luise schleuderte das Putztuch in den Eimer. „Das kann ich dir nicht sagen, frag unsere Herrin, wie sich Frauen in deiner Stellung die Zeit vertreiben.“ Sie presste die Lippen zusammen. „Tut mir leid, ich wollte nicht so schroff sein. Aber Bruder Markus wartet nur darauf, mich anzuschwärzen. Für ihn wäre es ein gefundenes Fressen, dich auf den Knien zu sehen, wie du den Fußboden scheuerst. Sieh dich nur an, das Kleid ist ganz nass.“

Ilona stand auf und strich ihren Rock glatt. „Das trocknet wieder. Dann gehe ich eben zu Lorenz, vielleicht ist der dankbarer, wenn ich ihm helfe.“ „Du sollst ihn nicht bei seinem Vornamen nennen, er ist auch dein Herr.“ Sie zeigte der Köchin ihre Zungenspitze und blinzelte. „Lass mir doch meinen Spaß, ich habe doch sonst nichts vom Leben.“

Nach der warmen Küche durch die eisige Halle zu gehen, erzeugte bei ihr ein Schaudern. Wenigstens war es nicht so duster wie sonst. Die geschlossene Schneedecke draußen verstärkte das Tageslicht und alle Räume wirkten heller. Sie klopfte und trat in das Arbeitszimmer. Im Kamin brannte ein kleines Feuer. Ilona bestand darauf, dass er in einem Raum saß, der beheizt wurde. Daraufhin hatte Lorenz seinen Schreibtisch in die gegenüberliegende Ecke geschoben, weit weg von der Feuerstelle. Aber für Besucher standen zwei bequeme Sessel vor der Wärmequelle.

Ilona trat vor ihn und fragte: „Gibt es etwas für mich zu tun?“ Lorenz zerstörtes Gesicht verzog sich. „Nein. Auch heute nicht. Ich melde mich schon, wenn ich dich brauche, du musst nicht jeden Tag vor mir stehen und nach einem Zeitvertreib fragen.“ Ihr Gesichtsausdruck wurde lauernd. „Darf ich denn Luise bei ihrer Arbeit helfen, ohne dass sie Ärger bekommt?“ Er sah sie an. „Nein. Dein Mann Jens hat verboten, dass du etwas tust, dass nicht deiner Position entspricht. Du hast den Vertrag gesehen.“ „Mein Mann Jens hier, mein Mann Jens da, …“, äffte sie ihn nach. „Er ist nicht hier, er sitzt nicht in dieser Stumpfsinnigkeit und möchte am liebsten mit dem Kopf vor die Wand schlagen, damit endlich einmal irgendwas passiert.“

(K)ein Weg zurück
Die Landen-Serie · Band 4
(K)ein Weg zurück
Olaf hat ein Problem. Das 17. Jahrhundert widersteht Effektivität und moderner Geschäftsführung.

„Schnell, wach auf, das musst du sehen. Ich glaubs ja nicht.“ Jens drehte den Kopf zu ihr und zog sich die Bettdecke bis zur Brust hinunter. „Was ist denn?“ Ilona wandte sich zu dem Bett um und strahlte ihn an. „Das musst du dir angucken.“ Sie öffnete das Fenster und Jens zog sich in Erwartung der eisigen Winterluft, die Decke bis zum Hals. Doch sie streckte die Hand nach draußen und jubelte. „Es regnet. Sieh mal.“ Sie lief auf das Bett zu und hielt ihm triumphierend ihren nassen Arm vor das Gesicht. „Regen, richtiger Regen, kein Schnee.“ Selig lächelnd setzte sie sich auf die Bettkante. „Unser erster Winter hier ist geschafft und wir haben ihn überlebt.“

Jens sah sie warnend an. „Mach das Fenster wieder zu. Meinst du nicht, dass es komisch klingt, wenn es ein Erwachsener feiert, dass er seinen ersten Winter überlebt hat?“ „Ups, du hast recht, wir müssen Olaf warnen, der wird vor Erleichterung auch im Kreis hopsen.“ Sie sprang auf, beugte sich aus dem Fenster und drehte den Kopf. Der Regen lief ihr über das Gesicht. „Ich bin zwar kein Fachmann, aber ich würde mal sagen …, zwischen sieben und acht Grad. Ungefähr.“ Kichernd zog sie sich zurück ins Zimmer und schloss das Fenster. „Ich könnte die ganze Welt umarmen. Luise wird was anderes kochen, als den ewigen Getreidebrei und die Wurzelsuppen, ich kann endlich die kratzenden Unterhosen weglassen und ….“

„Jetzt geht alles los.“ Jens richtete sich auf und schlug die Bettdecke zurück. „Alles, was bisher buchstäblich auf Eis lag, taut jetzt auf und wird aktiv. Der Winterschlaf ist vorbei.“ Ilonas gute Laune war wie weggeblasen und sie sank zusammen. „Ich finde nicht, dass hier jemand im Winterschlaf war. Dafür war auf der Burg viel zu viel los.“ Jens schlurfte zu dem Waschtisch und äugte missmutig in den Wasserkrug. „Schon wieder nicht aufgefüllt. Glaubst du, dass Olaf durch die Aussicht auf Frühling in seinem Pflichtbewusstsein gestärkt wird?“ Er öffnete das Fenster und hielt mit langem Arm das Handtuch in den Regen. „Ach, vergiss es. Der steht in den Startlöchern, das Lehen zu reformieren."

Die mit dem roten Kleid
Die Landen-Serie · Band 5
Die mit dem roten Kleid
Jeder Krieg hinterlässt Spuren. Manche lassen sich nie wieder auslöschen.

Olaf sprang zwei Schritte zurück, sein Herz setzte zu einem stechenden Trommelwirbel an, sein Mund klappte auf. Er starrte auf den Armstumpf, der wie ein Fremdkörper von der Schulter seines Freundes Jens abstand. Luises Schluchzen registrierte er nur am Rande. „Steh da nicht rum, hilf mir auf.“ Nicht nur Jens Gestalt hatte sich verändert, auch seine Stimme klang anders. Wütend, genervt.

Markus war es, der seine Mönchskutte raffte und auf den Burgbewohner zuging, der sich vor wenigen Wochen zum Dienst beim kaiserlichen Heer melden wollte. Jens Augen sahen stechend zu ihm hoch. „Du nicht.“ Doch Markus packte ihn überraschend sanft unter die Achseln und half ihm, aufzustehen. Jens stöhnte, Schweiß trat auf sein Gesicht und versickerte in dem ungepflegten Bart.

„Wo ist Ilona?“, wiederholte er seine Frage. Olaf wischte sich über das Gesicht. „Noch mit Lorenz unterwegs.“ „Mist“, knurrte Jens. „Die Wunde muss sofort versorgt werden, sonst verrecke ich hier in der Halle.“ Olaf sah erschüttert auf den verdreckten Verband, der sich um den Stumpf schlang. „Das kann ich doch machen.“ Jens winkte mit der linken Hand ab. „Du fällst doch schon um, wenn jemand hustet.“

Spiel mit der Zeit: Papst gegen König
Spiel mit der Zeit · Band 1
Papst gegen König
Rom, 2090. Papst Maximilian will die Geschichte korrigieren. Die Geschichte lässt sich das nicht gefallen.

„Du stehst bei der Säule. Wie war der Urlaub?“ „Erholsam. Wir lagen den ganzen Tag am Pool.“ Ich stieg in den Scanner, der mich nach Waffen, Sprengstoff und Giften jeglicher Art absuchte. „Beneidenswert“, meinte Jane spöttisch, die heute die Verantwortung für den Trafalgar Square trug. „Die Bürgermeisterin kommt um zwölf und eröffnet die Ausstellung im Museum. Gleichzeitig beginnt das Theaterstück für das Publikum hier draußen.“

„Gibt es irgendwelche Anzeichen für Schwierigkeiten?“ „Das fragst Du jedes Mal. Manchmal denke ich, Du wünschst Dir welche.“ „Unsinn“, wehrte ich verärgert ab. „Ich will nur wissen, worauf ich mich einstellen muss.“ „Auf einen hoffentlich ruhigen Tag, an dem wir nicht in den Nachrichten erscheinen, weil wir versagt haben.“

„Wir versagen nie“, murmelte ich und stieg aus der Kabine. Unser Job war es, für Sicherheit zu sorgen. Wir schützten offiziell Persönlichkeiten, Gebäude und Veranstaltungen. In Wirklichkeit war die Technik dafür zuständig. Scanner, fest installiert oder nach Bedarf mobil aufgestellt, erwischten die meisten, die das Waffen- und Drogenverbot nicht einhielten. Drohnen und Kameras überwachten permanent jeden Winkel des Landes. Verdächtige Armbewegungen genügten, um eine ohrenbetäubende Sirene auszulösen. Potenzielle Gewalttäter wussten dann, dass die Polizei unterwegs war, das Beweismaterial in einer unerreichbaren Cloud gespeichert wurde und ihr Wohnort anhand der biometrischen Daten bekannt war. Trotzdem schätzten es die Menschen, wenn wir Präsenz zeigten, und da sie zum Großteil brav ihre Steuern zahlten, tat ihnen die Regierung den Gefallen, uns zu engagieren.

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